Pressestimmen

Gebannt von leiser Melancholie
Kritik. Tindersticks überzeugten mit reduziertem Sound im Wiener Konzerthaus
Kurier, Brigitte Schokarth 10.03.2016

Immer wieder ist es die dunkle Stimme von Tindersticks-Frontmann Stuart A. Staples, die sofort einnimmt. Auf Platten genauso wie bei Konzerten. Auch als die Band mit dem ewig verträumten, melancholischen Sound Mittwochabend im Wiener Konzerthaus auftrat, war das der Fokus: Der Mann, sein sehnsüchtiges Timbre und die dichte Atmosphäre, die die beiden erzeugen können.

Gleich als Staples, 50 Jahre alt, aber wie ein schüchternes Kind an seinem Sakko-Zipfel zerrend, den ersten Ton des Openers "Second Chance Man" sang, war klar: Das wird ein spezielles Konzert. Klar, nicht so speziell wie in Berlin. Denn die Tindersticks haben für ihr jüngstes Album "The Waiting Room" zu jedem Song ein Video gedreht und in der deutschen Hauptstadt diese Videos,auf einer Leinwand hinter ihnen zum Live-Sound eingespielt.

In Wien aber war ein "normales" Konzert angesetzt. Mit Basis-Besetzung: Drums, Bass, Keyboards und Gitarre. Keine Streicher, keine Bläser und auch keine Elektronik, die auf "The Waiting Room" sporadisch aber höchst effektiv Akzente setzt. Der Gitarrist war deshalb in Wien gefordert, ahmte mit seinem Saiteninstrument und Dutzenden Geräten manche der Album-Sounds nach.

Sonst aber klangen die Tindersticks reduziert auf das Wesentliche. Viele akustische Gitarren, E-Piano, ein Glockenspiel, ein hervorragender Drummer, der mehr wie ein zurückhaltender Perkussionist agierte.
So viele leiste Stellen, so sanft und zerbrechlich. Und nie auch nur von dem kleinsten Laut aus dem Publikum unterbrochen. Es war, als hätte Staples das ausverkaufte Konzerthaus komplett in seinem Bann. Mit seiner Stimme, aber auch den Songs, die oft auf sich wiederholenden Motiven beruhen, die sich nur minimal verändern, aber so langsam und hypnotisch steigern bis sie tranceartig werden. Oder hysterisch.

Denn punktgenau, wenn die ruhige Charakter der Show Varianten nötig machte, kamen sie auch. Mit dämonischen Klang-Attacken, die an Nick Cave erinnerten, mit Songs wie "Hey Lucinda" und dem großartig interpretierten "We Are Dreamers!".

Glücklich strahlend und immer noch am Sakko-Zipfel zupfend verabschiedete sich Staples am Ende: "Danke. Wir hatten einen großartigen Abend!" Danke. Wir auch.


Der Dimmer wirft Pinot-Noir-Töne aus
Die Tindersticks reduzierten ihre Kunst im Wiener Konzerthaus auf die prächtige Essenz.
Wiener Zeitung, Andreas Rauschal, 10.3.2016

Stuart A. Staples ist ein Mann mit raumergreifendem Charisma. Punkt. Dabei haben wir uns noch gar nicht über seine eigentliche Kernkompetenz unterhalten. Der heute 50-jährige Vorstand der Tindersticks knödelt mit seiner gut wie Rotwein mit ihm gereiften Vibratostimme auf eine Weise herum, die noch den letzten Stein erweichen sollte. Live am Mittwoch im Wiener Konzerthaus darf man also erleben, wie hier jemand von unterhalb des Mikrofons hinauf in unbekannte Sphären nach vielleicht einer Antwort suchend auch das altbekannte Telefonbuch (Klischee, Klischee - aber es stimmt!) als Textvorlage wählen könnte, und man würde ihm dennoch zuhören wollen. Stuart A. Staples allerdings singt über den Weltschmerz und lotet dabei sämtliche Grau-, Sepia- und Pinot-Noir-Töne aus: "It’s the wine that makes me sad/not the love I never had."

Im Hintergrund sorgt seine Band in mehr oder weniger gut sitzenden und mehr oder weniger in Richtung Lumpenboheme deutenden Sonntagsanzügen dafür, dass man Konzerte der Tindersticks immer auch als Installationen betrachten darf. Alte Männer spielen Musik! Und sie reduzieren ihre Kunst dabei mit zart-müdem Beserlschlagzeug, ins Träumeland verweisendem Glockenspiel, gemächlichem Bass und Samtgitarren auf ihre prächtige, aber schnörkellose Essenz. Dazu geht es inhaltlich um das Vergehen der Zeit und darum, was währenddessen mit uns passiert. Die Antwort: Es passiert ziemlich viel, nur werden wir es uns sicher nicht anhören lassen! Das aktuelle Album "The Waiting Room" hätte übrigens sehr schöne Bläsersätze zu bieten, die den Soul der Tindersticks erstmals sanft um Jazz-Noten erweitern. Live allerdings ist das egal. Alles als Zierrat Hörbare wird so konsequent abgehobelt, wie die Band heute auch den Dimmer wieder nach unten dreht.

Mit dem Weichzeichner

Stuart A. Staples singt "Were We Once Lovers?" und stellt dabei eine weitere entscheidende Frage: "How can I care if it’s the caring that’s killing me?" Er positioniert sich selbst als "Second Chance Man", legt Peggy Lees Balladendrama "Johnny Guitar" akustisch an und zittert sich durch "She’s Gone". Stuart A. Staples weiß nämlich bereits, dass "sie" ihre Mutter gleich mitgenommen hat!

Überhaupt demonstriert die Setlist, dass die Band mit ihrer Entwicklung ziemlich zufrieden ist. Bis auf wenige Ausnahmen wie den "Sleepy Song" von 1995 stammen die meisten Songs aus dem aktuellen Meisterwerk oder späten Alben wie etwa "The Something Rain" von 2012. "How He Entered" kommt als Erinnerung mit dem Weichzeichner daher. "Show Me Everything" entdeckt als Zwischenspiel die Möglichkeit eines sinnlichen Grooves. "We Are Dreamers" mäandert ins Psychedelische, und mit dem Mann-Frau-Duett "Hey Lucinda", bei dem Staples den Part seiner 2010 verstorbenen Kollegin Lhasa De Sela mitübernimmt, wird es kurz beinahe auch neckisch. Eine zusätzliche Werkschattierung wiederum weist "A Night So Still" als verkehrsberuhigtes Dahintreiben und -fließen aus, zu dem die Lichter der Großstadt verschwimmen.

Nach eineinhalb Stunden der so gearteten musikalischen Streicheleinheit und Standing Ovations noch ein knappes "Thank you!" Stuart A. Staples wird es nicht gesprochen, nein, er wird es zitternd geknödelt haben.


Schwere Lieder über die Macht der Nacht
10.03.2016 | Von Samir H. Köck (Die Presse)

Eine Feierstunde für alle Freunde der Melancholie: Die Tindersticks grübelten im Großen Saal des Wiener Konzerthauses darüber, was sie so traurig macht. Da passte auch Peggy Lees Klassiker „Johnny Guitar“ gut.Sind es die Mädchen auf den Straßen? Oder ist es die große Liebe, die er nie kennenlernen durfte? „No, it's the wine that makes me sad“, erläuterte Sänger Stuart Staples die grundsätzliche Bedingung seiner Melancholie im Schlusslied „Factory Girls“. Ja, am Happy-Heart-Syndrom, dem Zusammenbruch des Herzens aus Gründen allzu großer Freude, wird er wohl niemals laborieren, dieser tapfere Wanderer durch die Trümmerlandschaften mannigfaltiger Sehnsüchte.

Seine treuen Fans auch nicht. Wohlgemut folgten sie ihm durchs karstige Moll von 17 Liedern und einem Instrumentalstück. Zum Einzug der Musiker waberte „Follow Me“ aus den Lautsprechern, eine gespenstische Melodica-Variation von Bronisław Kapers Titelmelodie des Films „Meuterei auf der Bounty“ (1962). Anders als auf dem berühmten Filmschiff sind die Grausamkeiten, die sich in der Kunst der Tindersticks zeigen, seelischer Natur. Da gibt es weder saftige Kinnhaken noch spektakuläres Kielholen. Das Ungemach schleicht sich ganz leise an.

Schon im ersten Stück des Abends, „Second Chance Man“. Der erst im zweiten Anlauf akzeptierte Lover rätselt hier darüber, was mehr Schmerzen verursacht: das Leben als Kompromisskandidat oder die jähe Abschmetterung des Werbens? Die Antwort ist zwischen den vagen Worten zu finden, die Staples, den Kopf tief im Nacken, ins Mikro haucht. Sie ist allein im sanften Vibrato dieser Stimme zu erahnen. Der Kopf mag im Zustand permanenter Verwirrung sein, dieses Organ aber führt durch alle Nebel. „No cheating hearts and no one did wrong. So why did we break?“, fragt Staples im dramatischen „Were We Once Lovers?“: All die schönen Motive der emotionalen Indifferenz, die Tastenmann und Gitarrist hier entwickeln, versanden im Ausbruch seiner charismatischen Stimme. Alle emotionalen Schwebezustände finden darin ihr Ende. Nur selten ist es ein versöhnliches. Deshalb hat er auch die Autorität, eigentlich Unantastbares wie Peggy Lees Sadomasoklassiker „Johnny Guitar“ zu singen. „What if you go, what if you stay, I love you. But if you're cruel, you can be kind“, seufzte er schicksalsschwer, derweil Gitarrist Neil Fraser sich mit spanischem Fingerpicking plagte.

Das Leben als Warteraum

Erfüllung finden in der Welt der Tindersticks eher jene, die sich auf die Macht der Nacht verlassen. Ihr zu huldigen scheint manchmal die einzig lohnende Perspektive zu sein. Das schlug wenigstens das elegische „A Night So Still“ vor, der einzige Song, bei dem Staples seine Melodica auspackte und behutsam beatmete. Das im Kirchenliedton beginnende „We Are Dreamers!“ blieb das einzige Stück, bei dem die Band sich in ein wüstes Crescendo steigerte. Sonst dominierten Klänge am Rande zur Stille. Das Verstummen war hier beinah so wichtig wie das Intonieren. „How We Entered“ klang vielleicht ein wenig zu sehr nach Donovans „Atlantis“, sonst aber changierte Staples souverän zwischen dem Kratzigen und Nasalen. „Don't let me suffer“ flehte er in „Waiting Room“, dessen Text eine rhetorische Initiation in das Unbekannte ist, das uns alle erwartet. Das Lied zeichnet das Leben als Warteraum, ganz im Beckett'schen Sinn. Es gilt, der Absurdität des Lebens zu trotzen, zu versuchen, die Ewigkeit im Moment zu kosten. „Don't want nothing that don't belong to us“, hieß es im diesmal ganz leise inszenierten „This Fire Of Autumn“. Das klang wie eine Weisheit aus dem „I-Ging“, dem jahrtausendealten chinesischen Buch der Wandlungen.

Nach den Standing Ovations strömte wohl alles ins Weincomptoir des jeweiligen Vertrauens: Ein, zwei Gläser schweren Rotweins mussten nun folgen, um die existenzielle Schwere dieses schönen Abends auskosten zu können.


Smiling and waiting
the gap, Armin Rudelstorfer, Thomas Nussbaumer, 10.3.2016

Jeder Song ein kleiner Film. Die Idee, alle 11 Tracks ihres elften Albums mit einem Video auszustatten liegt bei den Tindersticks nahe - nikotinfleckiger Soundtrack zum Film Noir. Die fünfköpfige Band um Crooner Stuart A. Staples schlingert sich auf der Bühne des Konzerthauses durch das Moll- Spektrum des Pops, ohne auch nur einen Moment ihre Souveränität abzugeben.

Jazz, Soul, Chanson, Blues, Filmmusik, Folk, immer etwas unheilvoll, immer etwas leidend. Julian Siegel arrangiert die Tindersticks 2016, die Band wirkt noch eine Spur orchestraler, es fallen Vergleiche mit Ian Curtis, mal erinnern sie an zenterschweren Chamber Pop Marke Nick Drake; immer ein Glas Rotwein in der Hand, immer schemenhaft hinter Rauchschwaden.

Die Kulisse Konzerthaus passt hervorragend zu den 5 mittlerweile mittelalterlichen Herren, wirkt der große Saal durch die sparsame Beleuchtung wie in Kerzenlicht getaucht. Tristesse und Traurigkeit doch wohlige Wärme und Geborgenheit sind die gemeinsamen Nenner des 90 minütigen Mini-Märchens. Die Leere wurde gefüllt. Danke, Zugabe und Standing Ovations.