Das Gurkerl von Olten

Franz Schuh

Laudatio für Andreas Vitásek anlässlich der Verleihung des Schweizer Kabarett-Preises "Cornichon" 2011

 

In Zeiten wie diesen, sehr geehrte Damen und Herren, da gerade Emil Steinberger - der sich unter dem Namen EMIL verewigt hat –, da Emil Steinberger gerade in Wien weilt und im Stadtsaal auftritt, erscheint es angemessen, dass im Sinne einer Kabarett-Außenpolitik eine Delegation von Wienern in Olten weilt, um dabei zu sein, wenn Andreas Vitásek den Kabarettpreis Cornichon 2011 erhält. Das lustige Zusammenspiel von Schweizern und Österreichern, das sag ich im Sinne der zitierten Kabarett-Außenpolitik, kann und darf sich nicht beschränken auf in der Schweiz kursierende Österreich-Witze, die in Österreich umfunktioniert und umbesetzt als Witze über die Schweizer kursieren. Wir, die Schweizer und die Österreicher, haben zumindest auf der Bühne viel miteinander zu schaffen, auch wenn unsere Reaktionen manchmal schwer vereinbar sind.

Ein Beispiel dafür gibt Andreas Vitásek selbst. Als er nämlich von dem Preis erfuhr, Cornichon 2011, kamen vor der Freude zunächst einmal Zweifel auf, Misstrauen, Selbstkritik – wie es die Wiener gerne haben. Und das hat einen merkwürdig sprachlichen Grund. Vitásek dachte, so hat er es mir gesagt, man hätte ihn mit dem Cornichon zur Zielscheibe eines Witzes gemacht. Ich zitiere ihn wörtlich: „Der Preis heißt Cornichon, das bedeutet zu Deutsch ‚Gurkerl’, und das Gurkerl ist bei uns im Fußball die größtmögliche Demütigung. Gurkerl! -das ist wenn man den Ball zwischen den Beinen durchgespielt bekommt.“ „Daher“, so Vitásek, „war ich mir nicht sicher, ob das Cornichon im Kabarett nicht dem Anti-Oskar gleicht“. Und dann fügte der Künstler leicht gravitätisch die Berichtigung hinzu: „Aber ich habe recherchiert, und es ist ernst gemeint“.

Sehr geehrte Damen und Herren, in diesem Ernst befinden wir uns nun, in diesen Augenblicken geht es im Ernst mit der Ehrung los, und ich will nichts verschweigen, sondern offen legen, dass man mir von Seiten der Schweizer diplomatisch nahegelegt hat, meine Lobrede auf Andreas Vitásek möge erstens 10 Minuten dauern, und zweitens – und das vor allem – sie möge ja amüsant sein. Selbstverständlich soll und muss der Laudator eines Kabarettisten lustiger als der Kabarettist selber sein, anders könnte man solche Preisverleihungsreden gar nicht ertragen. Tatsächlich, manche dieser Reden klingen wie Nachrufe auf einen Toten, und das Zusprechen von Würde hat nicht selten etwas Bleiernes. „So lobt man einen Erzbischof und keinen Mimerer", also Mimen, hat der gelobte Nestroy einmal gesagt.

Aber wenn man darüber nachdenkt, was ja nicht sein muss, dann stößt die Amüsierregel – die Amüsierregel, die für Reden über die komische Kunst gelten soll – an eine Grenze. In unseren Gesellschaften ist das Komische nämlich dialektisch angelegt. Will sagen, das Komische, das trägt und das sinnvoll lachen macht, ist unterschwellig mit dem Tragischen verknüpft, das am Ende mitspielt, immer mitspielt bei den Menschen. „Ist das Komödie? Ist das Tragödie?“, heißt es bei Thomas Bernhard, und er hat mit der Frage unterstellt, man könne denselben Sachverhalt zum Lachen oder zum Weinen finden, denselben Sachverhalt könne man als Tragödie oder Komödie begreifen und darstellen.

In Vitáseks Programmen tauchte nicht selten eine Handpuppe auf, die sich der Künstler in einem Spielzeugladen gekauft hat. In dem Laden lagen zum Ausverkauf noch mehrere solcher Puppen herum. Der Künstler, so erzählt er es, wird es noch bereuen, dass er nicht alle Puppen auf einmal erstanden hat. Die Puppe im Ausverkauf: Sie ist der Tod, und mit diesem komischen Tod, mit dieser einfach geschnitzten Handpuppe, die den Tod darstellt, hat der Künstler auf der Bühne einen Dialog auf Leben und Tod geführt. In diesen Dialogen mit der Puppe waren drei Momente zusammengespannt: das Komische – noch hat man den Tod in der Hand; das Tragische – das unvermeidlich Tragische, denn dieser lächerlichen Figur Tod entgeht man am Ende, in the long run, nicht! Und last but not least das dritte Moment: das Naive. Die Naivität eines Spiels, eines Schauspiels, in dem der Tod mit sich reden lässt. Was für ein Märchen!

Ich muss zugeben, dass ich – so wie ich als Kind „Kasperl! Kasperl!“ rief, um die Kasperlpuppe wieder auf die Szene zu kriegen –, so hätte ich am liebsten im Vitásek-Theater „Tod! Tod!“ geschrien. Am liebsten ist mir der Tod ebenfalls dialektisch, nämlich so wie er bei Vitásek einmal auftaucht, als Doktor Tod. In dieser Rolle erscheint der Puppentod in Verkleidung, also scheinbar nicht auf seinem ursprünglichen Gebiet des Tötens tätig, sondern im Gegenteil, er erscheint als Arzt. Der Arzt in der Hand des Künstlers fragt diesen Künstler nach seinen Krankheiten ab und stellt am Ende die Diagnose des bekannt ungewissen Ausgangs. Sterben, ja gewiss. Wann, weiß man nicht. Und die Krankheit, die der Künstler hat, nennt Doktor Tod beim Namen. Die Krankheit heißt: Leben. „Um Gottes Willen“, sagt der Künstler, „wo hab ich mir das denn wieder eingefangen?“.

Man kann behaupten, dass Vitáseks Spiel mit dem Tod, wie immer der Tod auch als Wiener Klischee im Einsatz ist, dass dieses Spiel darauf hinweist, wie sehr die Kunst von Andreas Vitásek nicht zuletzt von einem leichten Hang zur metaphysischen Überhöhung bestimmt ist. Wenn das Kabarett einen angestammten Defekt, also eine Art Geburtsfehler hat, dann ist es doch diese Lachen erzeugende Witzroutine, Witzmaschine, bei der man im Publikum  zum Reizreaktionsdeppen herabgestuft wird.

Der Reiz ist ein Witz, das Lachen ist die Reaktion, dazwischen ist nichts, gar nichts. Das Kabarett ist ein abgeschlossener Druckraum, aus dem alle Zwischentöne ausgeschlossen sind. Der Ausschluss der Zwischentöne findet bei unseren deutschen Freunden im gigantischen Rahmen statt. Mario Barth tritt im Stadion auf, wo sonst? In meinen Augen ist der Pointenreichtum ein Armutszeugnis. Die kleinen Räume, die poetischen Zwischentöne, überhaupt das Verspielte, das ist doch im Sinne der Kabarettaußen- und innenpolitik eine schweizerisch-österreichische Angelegenheit, und diese Angelegenheit enthält, ohne dass sie darauf angelegt wäre, eine Spitze gegen eine mächtige Tendenz bei den Deutschen, die sich vom Fernsehen das Format vorgeben lassen.

Den Terminus "Kleinkunst", glaub ich, mag Vitásek nicht. Er erinnere ihn an Minigolf. Aber denke ich  an die deutsche Großkunst, ans Kabarett im Stadion, dann weiß zumindest ich, was man an der Kleinkunst doch hat! Ja, die dialektische Spannung des Komischen, das Lustige und das Traurige, aber auch die Entlastung vom Sinn durch den Unsinn. Komik erscheint mir am Ende als eine ernste Sache, für die man im Ernst und zu Recht Preise und Würden verteilt, Preise auslobt, sagt man im Österreichischen. Der Philosoph Odo Marquard hat in einer Preisrede auf Loriot die Behauptung aufgestellt, das Lachen sei ein Denken.  Das Lachen unterbricht nämlich - wie das Denken - die konventionellen Abläufe, also auch Denkgewohnheiten, und ermöglicht so, räumt so die Chance ein, die Konventionen von außen zu betrachten.

Und damit bin ich nach den poetischen leicht traurigen Zügen von Vitáseks Kunst bei einem gegenläufigen Moment. Es ist bei Vitásek einerseits eben dieses poetisch Verspielte, manchmal so  real Traurige, das seinen Witz ausmacht, aber andererseits ist es das Kynische, das Freche, das Aggressive, also der Gegensatz zu allem Innehaltenden und Meditativen. Kynisch heißt ja nicht zynisch, meint auf keinen Fall die zynische Freude am Unglück anderer. Die Kyniker waren antike Philosophen, die jedes würdevolle Tun der Leute verspotteten, wenn die Würde auf dem Leugnen der natürlichen  Vollzüge beruhen sollte. Vitásek spricht die Maxime aus: „Alle Lebewesen sehen komisch aus, wenn sie scheißen.“

In dieser kynischen Tradition ist Vitásek der poetische und manchmal  auch verträumte Spötter von höchster Geistesgegenwart. Die Balancen aus diesem Gegensätzlichen, aber auch die Brüche machen für mich die spezifische, die unverwechselbare Kunst Vitáseks aus. Es gibt niemanden, den er nachmacht, und keinen, der ihn nach macht. Jeder der es versuchen würde, würde die Töne nicht treffen können, die Zwischentöne. „Mit Andreas Vitásek“, so lautet die Schweizer Begründung,: „zeichnet die Gesellschaft Oltner Kabarett-Tage einen Kabarettisten aus, der das Publikum mit Wiener Charme, einer gehörigen Portion Selbstironie und einem ausgeprägten Sensorium für feinen Humor in seinen Bann zieht.“

Wiener Charme, sehr geehrte Damen und Herren, ist leicht, ganz leicht. Aber der Zusammenhang von Charme und tatsächlicher, also auch riskanter Selbstironie ist eine äußerst komplexe, seelische Leistung. Es sind Künstler die so einen Zusammenhang am ehesten herstellen, stiften können, und ihre Kunst ist erst recht eine komplexe Leistung. Für die seine erhält Andreas Vitásek heute das Gurkerl von Olten. Zudem ihm auch die Wiener Delegation herzlich gratuliert!